
Wer kennt nicht in unserer hektischen Zeit das Bedürfnis nach Beruhigung? Ist Baldrian dafür das geeignete Mittel? Was ist Baldrian überhaupt?
Angstlöser ohne Nebenwirkungen – so wird er angepriesen. In der Volksmedizin ist er schon seit Jahrhunderten bekannt. Gibt es aber vom Baldrian nicht mehrere Arten? Sind alle mit positiven Wirkstoffen gesegnet, oder nur der eine, der wahre, der echte? Und wie bitte ist es um die Wirkung auf Katzen bestellt, die mit Baldriankissen so richtig ausflippen? Das soll beruhigend sein?
Machen Sie einen kleinen Spaziergang hinein in das Wissen um den Baldrian. Vielleicht genießen ja auch Sie dann beim Vorübergehen im Garten das eine oder andere Blättchen, frisch von der Staude gezupft und brauchen sich ab da, um ihre schlechten Nerven gar nicht mehr zu kümmern.
Botanischer Steckbrief
Die Zuordnungen in der Systematik richten sich nach in den letzten Jahren erfolgten neuen phylogenetischen Erkenntnissen (Quelle: Pflanzenfamilien, Haupt 2017). Deshalb wird die Gattung Baldrian nicht länger zur Familie der Doldengewächse (Umbelliferae oder Apiaceae) gezählt, sondern neu zu den Geißblattgewächsen (Caprifoliaceae)! In der Gattung Baldrian/Valeriana gibt es alleine an die 200 Arten, vom winzigen Baldrian Valeriana supina mit knapp 10 cm Wuchshöhe, bis zu nahezu 2m lang werdende Arten, wie die mexikanische Valerieria edulis.
In unseren gemäßigten Breiten wächst er wild besonders gerne auf feuchten Standorten, wie Moorwiesen, auch wird er gerne in Gärten gepflanzt:
- Arznei-Baldrian Valeriana officinalis
- Kleiner oder Sumpf-Baldrian Valeriana dioica
- Hügelbaldrian Valeriana collina
- Berg-Baldrian Valeriana montana
- Stein-Baldrian oder Dreiblättriger Baldrian Valeriana tripteris
- Zwerg-Baldrian Valeriana supina
- Felsenbaldrian/wilder Speik Valeriana saxatilis
- echter Speik Valeriana celtica
Beide Speik-Arten wurden früher zur Seifenherstellung verwendet. Die doldigen Blütenstände (Trugdolde) variieren zwischen weiß und leicht rosa angehaucht. Alleine vom Arznei-Baldrian gibt es viele variantenreiche Formen und Kleinarten. Aus dem Kelch entsteht die typische Haarkrone (Pappus). Dieser Haarkranz ist hygroskopisch und fällt von den Nussfrüchten später ab. Die Nüsschen werden dann durch das Wasser weiterverbreitet. Alle Baldrian-Arten gedeihen an feuchten mäßig halbschattigen Standorten. Der Baldrian gehört deshalb zu den Feuchtezeigerpflanzen.
Valeriana, Valerianella hier sieht man gleich die Zusammengehörigkeit. Der gewöhnliche Feldsalat, auch Rapunzelsalat genannt, Valerianella locusta, ist ein enger Verwandter des Baldrians. Weniger bekannt ist, dass die besonders im Süden Europas auffällig blühende rote Spornblume, Centranthus ruber , ebenfalls zu den Baldrianen zählt. In Griechenland wächst noch Valeriana asarifolia (endemische Art) und Valeriana tuberosa mit halbkugeliger Dolde und auffällig rot gefärbtem Schaft.



Baldrian als Heilmittel
Der Name „soll“ sich aus der römischen Provinz Valeria zwischen Donau und Drau herleiten. Auf jeden Fall wurde der Baldrian bereits von griechischen und römischen Ärzten im Altertum eingesetzt. Seine heilende Wirkung auf das Nervensystem wurde 1825 erstmals vom Leiter der Charité in Berlin, Dr. Christoph Wilhelm Hufeland, beschrieben. Zur arzneilichen Verwendung wird Baldrian in Kulturen angebaut; England, Belgien, Osteuropa und zum Teil auch in Deutschland hat Anbaugebiete. Als offizielle Droge soll nur die Wurzel des Europäischen Baldrians Verwendung finden (Valerianae radix = Baldrianwurzel, bestehend aus Wurzeln, Wurzelstock und unterirdischen Ausläufern). Von Baldrianpräparaten, die mexikanischen oder indischen Baldrian als Grundstoff haben wird abgeraten. Ihr Gehalt an Valepotriaten ist viel höher als beim europäischen Arznei-Baldrian. Es ist nicht abgesichert, ob diese (bis zu 8%) Dosis nicht zellschädigend sein könnte.
Vorwurf: Baldrian ist ja nur Abzocke
Was viele Anwender vergessen oder nicht wissen. Baldrian wirkt nicht sofort und ist deshalb nicht für Akut-Situationen geeignet. Eine Wirkung tritt erst nach mehrtägiger Anwendung ein. Auch darf man die Gefahr von Überdosierungen nicht ignorieren. Missbrauch kann von Schwindelanfällen, Herzrasen bis zu Orientierungslosigkeit führen. Weiters ist zu beachten, dass man Baldrianpräparate nicht ohne Absprache mit Arzt oder Apotheker mit synthetischen Arzneimitteln kombinieren darf; nach dem Motto „mehr ist mehr“.
Wer, so wie ich, eher ungern zu Mitteln greift, die er einnehmen muss, dem kann man als sanftes Mittel ein Kräuterkissen empfehlen. Das Kissen, Größe 7,5 cm bis 12,5 cm, mit gezupfter Baumwolle oder anderem Füllmaterial und den gewählten Kräutern ausstopfen und zunähen. Tipp: Kräuterkissen mit Baldrian
Dazu werden zur Blütezeit voll aufgeblühte Baldrianblüten abgeschnitten und getrocknet. In dicht schließenden Gläsern bis zum Einsatz aufbewahren. Zusammen mit getrockneten Lavendelblüten, Melissenblättern und Hopfenzapfen, jeweils etwa 1/4 Tasse voll, bei Bedarf in den kleinen Kissenbezug füllen. Dieses kleine Kissen in Kopfnähe legen, hilft zu einem entspannenderen Schlaf. Wenn die Wirkung „verduftet“ ist, muss man das Kissen neu befüllen. Keine Angst, auch wenn Sie eine Hauskatze haben – der Duft der Blüten enthält recht wenig der Isovaleriansäure. Diese ist vorwiegend in der getrockneten Wurzel und da würde Mieze sonst wirklich ausflippen.
Ist also die versprochene Wirkung von Baldrian nur Placebo, oder reine Abzocke? Ganz so würde ich das nicht sehen. Wer sich, etwa vor einer Prüfung, erwartet, dass seine Prüfungsängste/Nervosität gleich nach einmaliger Einnahme weg ist, der lügt sich selber in die Tasche. Nimmt er/sie die Kapseln oder Tropfen eine ganze Woche vorher, tritt sicher ein Beruhigungseffekt ein, der dem Baldrian gedankt ist und nicht reines Wunschdenken.

Allerlei rund um den Namen
Eine erst Erwähnung des Baldrian kommt aus dem alten Ägypten. Im 9. Jhdt. Im Mittelalter galt er als Allheilmittel, auch zur Fiebersenkung und gegen die Pest. Der mexikanische Baldrian wurde von der armen Bevölkerung benutzt, um Strapazen besser zu ertragen. Die Herkunft seines botanischen Namens Valeriana, eingedeutscht Baldrian, ist mit so vielen „wenn“ und „aber“ versehen, dass ich nur einige Beispiele aufzähle: Valeriana – möglicher Ursprung
- Provinz Valeria in Pannonien, wo die Pflanze häufig vorkommt.
- schwedische Sprachwurzel (zur Abwehr der nordischen Dämonen und Hexen)
- velansrut isländische Sprachwurzel
- vom nordischen Gott Baldur, Baldr abstammend, germanische Gott der Sonne, der Hilfsbereite
- valere lat. = gesund sein, sich wohlbefinden
- Plinius Valerianus, röm. Arzt
Im Etymologischen Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen ist fast eine ganze Seite der Namensherkunft gewidmet. Viel Spaß beim Nachlesen. Aber auch im Volksmund sparte man nicht an Namen für dieses heilsame Kraut. An den verschiedenen Bezeichnungen kann man allerdings erkennen, dass es nicht ausschließlich für medizinisch heilsame Zwecke benötigt wurde. Also doch ein Hexenkraut?
- Augenwurze; Augenwurz
- Elfenkraut
- Hexenkraut
- Katzenkraut; Katzenwurzel; Katzenkraut; Katzenwurz
- Mondwurz
- Tollerjan
- Dreifuss
- Marienwurzel
- Mondwurz
- Theriakwurzel
- Viehkraut
- Wendwurzel
- Wilde Narde
- Waldsplik
Verwirrung genug?
Jetzt kommt überraschend ein Küchentipp:
Ja, Sie haben richtig gelesen. Man kann den Baldrian auch essen. Klar, nicht die Wurzel. Die schmeckt bitter. Aber mehrere Bestandteile der Pflanze können ohne Bedenken in der Küche eingesetzt werden. Die hübschen Baldrianblüten sind ebenfalls genießbar. Baldrianextrakt kann als Aromastoff in Nahrungsmitteln wie Gebäck und Eis eingesetzt werden. Baldrian ist eine Verwandte des Feldsalats (Valerianella sp. – kleiner Baldrian). Das frische Blattgrün des Baldrians kann daher ebenfalls in Salaten mitgegessen werden – er erinnert im Geschmack an Feldsalat, ist sogar etwas zarter. Ich zupfe im Vorübergehen immer wieder ein Blatt vom feinblättrigen Baldrian und kaue es genüsslich. Wirkt wie eine Nerven-Frühlingskur und erspart die Tropfen am Abend.
Jetzt kehren wir zurück zu den Katzen … Wie ist es also mit Baldrian und Mieze?
Mit Speck fängt man Mäuse – und mit Baldrian Katzen: Sie finden den Geruch fast unwiderstehlich. Allerdings wirkt er bei ihnen nicht beruhigend, sondern berauschend. „Mit Baldrian kriegt man auch eine alte Katze noch zum Spielen.“ Der Spruch ist wahr. Allerdings sollte man sein Tier nicht aus Jux und Tollerei närrisch werden lassen. Auch beim Einsatz für die beliebten Baldi-Mäuse, Baldrian-Kissen etc. sollte man als Tierfreund nicht übertreiben. Tierliebe, gesunder Menschenverstand und ein wenig Hintergrundwissen sind auch hier nicht fehl am Platze.
Warum Katzen auf Baldrian und auch Katzenminze so närrisch sind? Warum auch die beliebten Duftkissen Gefahren für ihr Tier bedeuten können? Antworten darauf und wie man die Duftstoffe wirklich gut einsetzen sollte, habe ich zusammen getragen:
Der Geruchssinn der Katze ist besser entwickelt als der des Menschen. Düfte, wie etwa das Nepetalacton in der Katzenminze oder Actinidin im Baldrian, versetzen so manche Katze in einen wahren Rausch. Baldrian wirkt zwar auf den Menschen beruhigend und schlaffördernd, löst jedoch bei Hauskatzen völlig andere Reaktionen aus. Am ehesten lässt es sich mit einer Art Aphrodisiakum vergleichen. Der Grund dafür? Die im Baldrian enthaltenen Alkaloide wirken auf beide, also auf die Katze wie auch den Kater, wie Sexuallockstoffe; da sie geruchlich einem Pheromon entsprechen, das Katzen/Kater während der Paarungszeit absondern. Sie sind besonders stark in der getrockneten Wurzel enthalten. Deshalb reagiern Katzenbabys auch nicht auf Baldrian, da sie noch nicht geschlechtsreif sind.
Wer also meint „Baldrian riecht angeblich nach Katzenurin“, der hat keine Katze zu Hause. Was Katzen an Baldrian so ausflippen lässt, sind die Sexuallockstoffe, die in den ätherischen Komponenten von Baldrian enthalten sind. Allerdings ist Katze nicht immer gleich Katze. Manche Katzen sind völlig uninteressiert an Baldrian, lieben dafür aber Katzenminze heiß; andere wiederum stehen mehr auf Geißblatt. So wählerisch und selbstbestimmend sind sie eben, unsere Stubentiger.
Und wie ist das nun mit müden oder alten Katzen?
Die macht die Dosis das Gift; sprich – eine alte Katze mit Baldrian auf Zack zu bringen, mag für den Menschen zwar lustig sein, die alte Katze kann es aber überfordern. Sie schenken ihrem betagten Großvater im Altersheim ja auch keine Sexpillen und finden es dann lustig, wenn er dadurch einen Herzinfarkt bekommt.
Tierärzte warnen deshalb vor einer zu häufigen und regelmäßigen Benutzung von mit Baldrian gefüllten Kissen. Jedes Mittel, welches einen rauschähnlichen Zustand auslöst, ist nicht frei von Nebenwirkungen. Der Stresspegel durch den rauschähnlichen Zustand für die Katzen ist von Zeit zu Zeit sicher eine willkommene Unterbrechung des Alltagstrotts. Aber zu häufiger Stress ist weder für Menschen noch für Katzen auf Dauer gesund.
Wer von Zeit zu Zeit seine Katze mit Baldrian- oder Katzenminzekissen spielen lässt, kann so gezielt auch für Spannung und Entspannung sorgen. Aber alles der Katze angepasst und nicht der Laune des Menschen folgend. Meine ältere Katze liebt Baldrianblüten, allerdings eher zur Beruhigung. Sie legt ihr Köpfchen auf die abgeschmuste Blüte und schläft dabei selig ein. Ein, zwei Mal im Sommer bekommt sie das Vergnügen. Meine jüngere Katze dagegen liebt einen verdünnten Tropfen auf ihrem Duftkissen und zerlegt dieses nach allen Regeln der Katzen- und Krallenkunst. Dann wird das Kissen, soferne es noch heil ist, wieder verräumt. Bis zur nächsten Rettung aus der Langeweile oder zum Abbau von Spannungen.
Kleine Grundregel für das Spielen mit Duftkissen für die Katze
„Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!“ Das gilt auch bei den beliebten Duftkissen, Baldi-Mäusen, Catnips oder wie die Duftspielzeuge für Haustiere genannt werden. Es ist nicht der Baldrian, der in diesem Fall ihrem Tier hier gefährlich werden kann. Baldrian ist nicht giftig. Aber ihre Katze kann an den Füllstoffen (Kügelchen, Watte etc.) dieser Kissen, wenn sie beim heftigen Raufen kaputtgehen, jämmerlich ersticken oder einen Darmverschluss erleiden. Traurige Storys dazu gibt es im Netz zur Genüge. Deshalb gilt es bei diesem Spielzeug, ähnlich dem Spielzeug von Kleinkindern, einige wenige Regeln zu beachten.
Nur bei gesunden Katzen verwenden; bei älteren mit Bedacht oder nach Rücksprache mit Tierarzt.
- Die Kissen/Mäuse nur gelegentlich und unter Aufsicht anbieten.
- Wird ein Kissen kaputt, sofort wegnehmen und entsorgen!
- Duftkissen nach dem Spielen (Spieldauer höchstens 15 Min.) wegräumen, trocknen lassen und in einem verschließbaren Säckchen oder Glas lagern. Selbst anschließend die Hände waschen.
- Duftkissen von anderen Spielzeugen trennen, damit diese nicht auch nach Baldrian oder Katzenminze riechen.
- Haben die Kissen ihren Duft verloren, genügt ein Tropfen Tinktur und es wird wieder angenommen.
- Wer ein geschicktes Händchen hat, bastelt für seine Katze das Kissen selbst. Da weiß sie/er, was drinnen ist. Statt synthetischen Füllstoffen einfach neben ein wenig getrockneten Baldrianwurzeln/-blüten oder Katzenminze getrocknetes Heu mitverpacken. Das knistert auch noch dazu schön. Sollte ein Heuschnupfen-Allergiker im Haushalt sein, geht das natürlich nicht. Alles in ein gut mit Krallen bearbeitbares Material einfüllen und verschließen.
- Eine andere Bastelvariante nennt sich Baldrian Stinkesocke. http://www.katzenspielzeug-selber-machen.de/baldrian-stinkesocke-katzen-spielspass/ Ich finde diese Idee sehr clever.



Hier nur drei Vertreter aus der Baldrian-Sippe … Der Arznei-Baldrian, der besonders im Frühjahr beliebte „Feldsalat/Vogerlsalat/Rapunzel“, Valerianella locusta, das kleine Geschwisterchen und die aus dem Süden bekannte Spornblume, die in diesen heißen Zeiten auch bei uns immer beliebter wird.
und noch ein bisschen an Mythen und Aberglauben rund um diese Pflanze …
Früher glaubte man, dass Baldrian gegen Zauberei und böse Geister wirken könne: „Baldrian, Dost und Dill – kann die Hex‘ nicht wie sie will“,so heißt ein alter Spruch. Getrocknete Baldriansträuße sollten, im Hause aufgehängt, Glück bringen und Schlechtes in Gutes verwandeln. Die nordische Göttin Hertha zähmte auf einem Hirsch reitend die wilden Tiere des Waldes durch eine Baldrian-Gerte. In Gebirgsgegenden war Baldrian als Wildfräuleinkraut bekannt. Sagenumwobene Frauengestalten hatten das Kraut der Bevölkerung als Heilmittel gegen die Pest angezeigt.